Tierschutz an Schweizer Schulen - Fragen und Antworten
Welche Ziele verfolgt Ihre Stiftung?
Der Name verrät es ja schon: Die Stiftung bezweckt die Ausbreitung des tier-ethischen Gedankengutes in Kindergärten und Schulen aller Stufen. Hierzu bildet sie mobile Lehrkräfte im Bereich Tierschutz und Tierethik aus, die von Schulen kostenlos angefordert werden können.
Ferner erarbeitet die Stiftung Veröffentlichungen und Lehrmittel zur Abgabe an Schulen und setzt sich anderweitig für Ethik, Selbstverantwortung und Gewaltprävention an Lehranstalten ein. Die Stiftung fördert auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, die ähnliche Ziele verfolgen.
Sollte Tierschutz / Tierethik nicht als obligatorisches Schulfach in den Lehrplan aufgenommen werden, statt durch Schulbesuche „von aussen“?
Nein, keinesfalls. Mehrere Gründe sprechen dagegen: Erstens fehlt den Schullehrern das nötige Hintergrundwissen und die nötige Zeit, um sich dieses Wissen anzueignen; zweitens könnten die einzelnen Kantone sich sowieso nicht einigen und drittens würde Tierschutz dann
wie jedes andere Schulfach routinemässig vermittelt, was gerade nicht in unserem Sinn ist.
Der Stiftung geht es primär darum, die Herzen der Jugendlichen zu berühren und Betroffenheit auszulösen, die ihrerseits zu einem Gesinnungswandel und letztlich zu einem gewaltlosen Lebensstil und verantwortungsbewussten Konsumverhalten führt.
Und wie funktioniert diese Gewaltprävention?
Sie zieht sich wie ein roter Faden durch unsere ganze Lehrtätigkeit und wird von unseren Lehrpersonen nicht nur vermittelt, sondern auch vorgelebt: Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu!
Niemand kann diese Goldene Regel aus dem Volksmund widerlegen. Jedes Kind kann sie verstehen und verinnerlichen. Gewaltprävention ist ganz einfach, sie muss nur kommuniziert und vorgelebt werden!
Ja, aber wem käme es in den Sinn, die Tiere in diese Goldene Regel einzubeziehen?
Eine Ethik ohne Einbezug unserer Mitgeschöpfe ist keine Ethik, sondern eine Lüge und daher inakzeptabel. Das ist ja gerade der Grund, wieso wir junge Menschen ansprechen, die noch nicht konditioniert sind. Jedem Kind und jedem Jugendlichen sollte diese Goldene Regel in
Fleisch und Blut übergehen. Es geht ja darum, der Jugend neue Lebensformen aufzuzeigen und vorzuleben: Ehrfurcht vor dem Leben, Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und Selbstverantwortung!
Lauter Begriffe, die die meisten Kinder noch nie gehört haben; wachsen sie doch in einer (virtuellen) Welt auf, in der Terror, Krieg und Gewalt an der Tagesordnung sind. Wenn das Leiden der Tiere ein Ende nehmen soll, wenn die Ausbeutung unserer Mitgeschöpfe von der Erdoberfläche verschwinden soll, dann muss das Übel an der Wurzel angepackt werden,nämlich dort, wo es sitzt; im menschlichen Bewusstsein. Keine andere Form von Tierschutz kann so wirkungsvoll und so nachhaltig sein wie die Aufklärung und Erziehung der Jugend,
die ja die Geschicke der Welt von morgen lenken wird.
Mit welchen anderen Organisationen arbeitet die Stiftung zusammen?
Die Stiftung nimmt laufend Kontakt auf zu Tierschutzorganisationen oder Einzelpersonen, die ebenfalls Schulbesuche machen oder machen wollen. Leider kommt es nur selten zu einer wirklich konstruktiven Zusammenarbeit, da unter den Tierschützern die Ideologien oft weit
auseinander gehen und nicht selten ein Konkurrenzdenken eine harmonische Zusammenarbeit verunmöglicht. Einen wirklich guten Kontakt und Erfahrungsaustausch pflegen wir seit Jahren über die Grenze hinaus zu unseren österreichischen Kollegen, die schon bei der
Gründung unserer Organisation Pate standen. Die ursprüngliche Idee war, dass die Stiftung sich in der Schweizer Tierschutzszene auf Schulbesuche spezialisiert, so dass auch andere Organisationen von ihren ausgebildeten Tierethiklehrern profitieren können, ohne das Rad neu erfinden zu müssen. Bis jetzt hat dies ein einziges Mal geklappt. Wir hoffen aber, dass es Schule machen wird, oder dass sich andere Formen der Zusammenarbeit ergeben werden. Zu begrüssen wäre auch eine Zusammenarbeit mit unseren Kollegen in der französischen und italienischen Schweiz. Ihnen würden wir gerne unser Know-how und unsere Lehrmittel zur Übersetzung freigeben. „Ableger“ der Stiftung könnten dort entstehen. Wir haben Pionierarbeit geleistet und aus unseren anfänglichen Fehlern gelernt und sind bereit, unsere Erfah-rung dort einzusetzen, wo Professionalität gefragt ist.
Was heisst in diesem Zusammenhang Professionalität?
Das heisst, dass unsere Schulbesuche vom ersten Vorgespräch mit dem Klassenlehrer bis zur letzten Minute durchstrukturiert sind. Nichts wird dem Zufall überlassen. Innerhalb dieser Strukturen gibt es jedoch genügend Spielraum für die einzelnen Lehrpersonen, um ihre ganz persönliche Kreativität und Darbietungsweise einzubringen.
Wie sehen diese Strukturen aus?
Erstens hat sich herausgestellt, dass ein einziger Schulbesuch nicht genügt, um im Bewusst-sein der jungen Menschen einen nachhaltigen Gesinnungswandel auszulösen. Zweitens muss den Schülern genügend Zeit gegeben werden, um die vielschichtigen Informationen zu verarbeiten. Erst danach können mit ihnen praktikable Lösungen zur Linderung des Tier-leidens erarbeitet werden. Seit kurzem fangen wir jene Jugendlichen in Tierschutz-Jugendgruppen auf, denen das Tierleid so sehr unter die Haut geht, dass sie erklären, ab sofort keine Tiere mehr essen zu wollen. In einer Gruppe können sie sich gegenseitig in ih-rem Entschluss bestärken und gemeinsam verschiedene Aktivitäten in die Wege leiten, um auf das Tierelend aufmerksam zu machen, auch in ihrem eigenen Familienkreis.
Will die Stiftung den Jungen das Fleischessen verbieten?
Die Stiftung will gar nichts verbieten. Sie will lediglich friedfertige und ethische Lebensformen aufzeigen und den Jugendlichen zu verstehen geben, dass sie die Möglichkeit der Wahl ha-ben und nicht blind die Gepflogenheiten der Erwachsenen übernehmen müssen! Die meisten Jugendlichen und selbst Schullehrer haben keine Ahnung, dass es zahllose Alternativen zu tierischen Produkten gibt, und dass allein durch ein verantwortungsbewusstes Konsumverhal-ten schon sehr viel Tierleid und Umweltschäden verhindert werden könnten.
Derzeit steht unser Tierethik-Unterricht auf den folgenden vier Pfeilern:
1. Lektion: Ethischer Einstieg
2. Lektion: altersgerechte Informationen über den derzeitigen Umgang mit den Tieren
3. Lektion (eine Woche später): Gemeinsames Erarbeiten praktikabler Lösungen zur Linde-rung des Tierleidens
4. Gründung und Betreuung einer Jugend-Tierschutzgruppe
Neu hinzu kommt unser vegetarisch/veganes Koch-Angebot an Oberstufenklassen, das im Rahmen des Fachs Hauswirtschaft realisiert werden kann. Doch damit sind die Möglichkeiten der Stiftung noch lange nicht ausgeschöpft. Wir denken auch an Elternschulung, Lehrer-Fortbildungskurse und andere Möglichkeiten im Bereich der Erwachsenenbildung. Aber unse-res Erachtens ist nichts so viel versprechend wie die Schulung unserer Kinder.
Das tönt alles sehr spannend, scheint aber auch anspruchsvoll und aufwändig zu sein!
Ja, das ist es in der Tat. Wir stellen hohe charakterliche und pädagogische Ansprüche an unsere Lehrpersonen. Unser Motto lautet. Tierschützer essen ihre Schützlinge nicht. Längst nicht alle, die sich für eine Ausbildung bei uns melden, eignen sich für diesen Beruf, der eigentlich eine Berufung ist.
Selbstsicher in Schulen auftreten und unser Anliegen undogmatisch und einfühlsam vermitteln - ohne zu missionieren und ohne zu schulmeistern -, ist eine hohe Kunst, ja geradezu eine Gratwanderung. Sagen wir zu viel oder wählen wir zu starke Worte, so empören sich Lehrer oder Eltern (Bauern) und die Schultore schliessen sich. Auf weitere Einladungen kann dann die Stiftung vergeblich warten. Sagen wir zu wenig, oder beschönigen wir die Tatsache der millionenfachen Tierquälerei durch Würde-Floskeln oder Wohlfühl-Bilder, so verharren die Jungen unweigerlich in ihrem anerzogenen, unkritischen Verhalten.
Gibt es in der Schweiz noch andere Tierschutzorganisationen, die ähnlich denken wie Sie und die ebenfalls Schulbesuche machen?
Unseres Wissens gibt es zwei oder drei Vereine, vielleicht sind es mittlerweile auch mehr, die sporadisch auch in Schulen gehen. Allerdings sind ihre Ideologien und ihr Vorgehen recht unterschiedlich. Die Stiftung bemüht sich schon seit Jahren um eine Zusammenarbeit, doch leider ohne grossen Erfolg.
Woran scheitert die Zusammenarbeit?
Einerseits an den unvereinbaren Philosophien, andererseits aber auch, weil jede Tierschutzorganisation von Spenden lebt und Angst hat, diese im Falle einer Zusammenarbeit zu verlieren. Das ist schade, denn durch ein einheitliches Vorgehen könnten wir viel mehr bewirken. Einige unserer Kollegen vom anderen Lager folgen dem Tierschutzlight-Ansatz, wonach man den jungen Menschen auf keinen Fall die grausamen Fakten im Umgang mit Tieren zumuten dürfe. Die Stiftung hingegen schreckt nicht davor zurück, altersgerecht in adäquaten Worten und mit wahrheitsgetreuen Bildern unserer Konsum- und Spassgesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, der zum Nachdenken anregt. Von Menschenwürde kann erst dann die Rede sein, wenn die „Würde der Kreatur“ nicht mehr nur auf dem Papier steht (in der schweizerischen Bundesverfassung), sondern von Jung und Alt auch respektiert wird!
Es ist wohl aussichtslos, die Fleischlobby und Milchwirtschaft wie auch die gigantischen Pharmakonzerne aus der Welt zu schaffen, die ja die Hauptverursacher des Tierleidens und der Umweltschäden sind!
Es geht uns nicht primär um diese Hauptverursacher, denn diese produzieren ja nur, was wir konsumieren und tolerieren. Letztlich sind wir alle die Hauptverursacher. Es geht um Aufklä-rung! Unsere Vision ist, dass die sensibilisierten und informierten Erwachsenen von morgen immer öfter Qualprodukte ablehnen und sich für einen Lebensstil ohne Tierleid entscheiden werden. Schon deshalb, weil sie wissen, dass alles, was der Welt und ihren Geschöpfen an-getan wird, letztlich auf die Menschheit zurückfällt. Natürlich wird das nicht von heute auf morgen passieren. Wo es aber keine Nachfrage mehr nach tierischen Produkten gibt, da ver-schwindet allmählich auch das Angebot. Null Nachfrage = null Angebot. Geld regiert die Welt und alles dreht sich letztlich um Angebot und Nachfrage! Die Menschheit der Zukunft wird, da sind wir überzeugt, durch immer heftigere Naturkatastrophen zur Umkehr und zur Besinnung gezwungen!
Ist das nicht Utopie?
Utopie, wieso? Hätten wir etwa vor ein paar Jahren geglaubt, dass das Rauchen, das doch noch bis vor kurzem als chic galt, heute verpönt ist und in immer mehr Ländern in sämtlichen öffentlichen Gebäuden und Transportmitteln verboten wird? Das ist der Anfang vom Ende einer schädlichen Sucht.
Ja, das stimmt allerdings. Aber wie verhält es sich mit dem weltweiten Fleischkonsum?
Sehen Sie, das Argument vom „gesunden“ Fleisch gibt es auch schon lange nicht mehr, zu-mindest nicht mehr in unseren Breitengraden. Und die verheerenden ökologischen Auswirkungen der Massentierhaltung sind ebenfalls hinlänglich bekannt. Ein Paradigmawechsel steht unmittelbar vor der Tür. Die Zeit ist reif dafür.
Die Stiftungsgründerin hat beispielsweise vier Enkelkinder, die sich alle von ganz klein auf weigerten, Tiere zu essen.
Ihr achtjähriger Enkel durfte unlängst einen Wunsch ins Album seines gleichaltrigen Freundes schreiben.
Was glauben Sie, hat der Kleine geschrieben? - "Mein grösster Wunsch ist, dass die Menschen aufhören, Tiere zu essen!"
Ein Gesinnungswandel ist bereits im Gang und es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis die Neugeborenen Gewaltfreiheit und Mitgefühl bereits in ihren Genen haben! Nichts kann einen Gedanken, dessen Zeit reif ist, daran hindern, sich in der Welt zu verwirklichen, denn solange Menschen Tiere essen, kann von Tierschutz nicht die Rede sein!
Erica Kalika Blöchlinger, Stiftungsgründerin
| Weiter > |
|---|

