Mein Tierengel
Geistwesen haben die Fähigkeit, jede beliebige Form anzunehmen und sich zu multiplizieren. Sie können als Schutzengel in Erscheinung treten, als Krafttier oder als Lichtgestalt. Sie können aber auch unsichtbar bleiben für das menschliche Auge und sich nur durch ihre starke Gegenwart oder ihren Wohlgeruch bemerkbar machen.
Seit meiner frühesten Kindheit begleitet mich ein solches Geistwesen, und da ich es meist als Krafttier wahrnehme, nenne ich es "Tierengel". Als Kind dachte ich, das sei bei allen Menschen so und daher erzählte ich frei von der Leber weg von meinem Tierengel, dem ich alles anver-traute und der mich stets beschützte. Doch weil die "grossen Leute" nur ein wissendes Lächeln hatten und meinten: "Es gibt Tiere, mein Kind, und es gibt wohl auch Engel, aber Tier-engel? Nein, Tierengel gibt es nicht." So hörte ich bald auf, von meinem Tierengel zu erzählen und bewahrte ihn als Geheimnis in meinem Herzen.
Der Tierengel in mir verkörpert meinen Instinkt und meine Intuition. Als ich unlängst einen Bericht über die Forschungsergebnisse des namhaften Paläontologen Neil Shubin las, und eine Rezession über sein neues Buch mit dem Titel "Der Fisch in uns" zu Gesicht bekam, da wurde mir bewusst, dass mein Tierengel, der seine Gestalt jederzeit verändern kann, in Wahrheit ein ganzes Tierreich ist, das in meinen Zellen wohnt. Shubin sagt: Wir haben eine gemeinsame Geschichte mit allen Säugetieren, Reptilien, Fischen, ja sogar Schwämmen und Quallen. In jedem Organ, in jeder Zelle tragen wir das Erbe von 3,5 Millionen Jahren Evolution. Alle Lebewesen gehören zu meiner Familie. Ich finde das tröstlich.Vor sieben Jahren habe ich das regelrecht gespürt.
Auch ich habe es als Kind regelrecht gespürt und mich später gefragt, wie ein Sprössling von Schweizer Eltern überhaupt dazu kommt, mitten in der afrikanischen Savanne geboren zu werden? Hätte der Mensch in mir das Sagen gehabt, so wäre ich mit Sicherheit am malerischen Ufer eines Schweizer Sees zur Welt gekommen. Es muss doch die unbändige Sehnsucht vom Tierengel in mir nach dem verlorenen Paradies gewesen sein, die mich an einen Ort verschlug, wo die Geschöpfe sich noch in Freiheit ihres Lebens erfreuen dürfen.
So wuchs ich denn ohne menschliche Geschwister auf, dafür aber mit zahlreichen Tierkindern, die Eingeborene mir laufend brachten. Wir lebten auf 1800 Meter Höhe, wo mein Vater, von Berufs wegen Pionier und Abenteurer, ein riesiges Stück Land erworben hatte, das zu der Zeit gerodet wurde, um Kaffeplantagen Platz zu machen. Durch das Roden mussten die frei leben-den Tiere aus ihrem natürlichen Lebensraum fliehen und ihre noch kleinen Kinder oft zurücklassen. Diese landeten dann zum Glück bei uns und wurden von meiner Mutter und mir aufgepäppelt. So wurden mir zahlreiche Spielgefährten geschenkt. Mit meinen vielen Tierfreunden verstand ich mich ganz ohne Worte, einfach von Herz zu Herz. Ein Gedanke, ein Blick oder eine Geste und schon hatten wir uns verstanden. Die Tiere lernten aber auch, unsere Menschensprache zu verstehen und ich bin überzeugt, dass sie mich für ihresgleichen hielten. Für mich waren sie einfach meine Geschwister und so ist es nicht verwunderlich, dass in meinem Spiel- und Schlafzimmer exotische Tierkinder ein und aus gingen wie hierzulande menschliche Familienmitglieder. Erstaunlicher war nur, dass die Tiere sich auch untereinander prima verstanden, obwohl sie ganz verschiedene Bedürnisse und Verhaltensweise hatten. Da war nebst meiner heiss geliebten Gazelle Pinggeli der beispiellose Steppenhund Tembo, der als kleiner Welpe zu mir kam. Tembo war in meinen Augen der beste, lustigste und mutigste Hund der Welt. Ich liebte ihn über alles und wir waren ein Herz und eine Seele. Er spielte alle Spiele mit mir, die sonst nur Menschenkinder miteinander spielen: Blinde Kuh, Verstecken, die Rutschbahn hinunter rutschen und Purzelbäume schlagen. Tembo war nicht nur ein äusserst kluger Hund, er hatte auch einen ausgesprochenen Sinn für Humor und konnte regelrecht lachen. Er zog dann seine Lefzen hoch, zeigte alle seine imposanten Zähne und gab dabei kurze Lachlaute von sich. Tembo war aber nicht nur ein Humorist, sondern auch ein selbstloser Held mit einem ganz grossen Herzen. Zwei Mal rettete er mir das Leben und das zweite Mal bezahlte er sein beschützendes Verhalten mit seinem eigenen Leben.
Auf einem unserer gemeinsamen Streifzüge durch das Dickicht entdeckte Tembo lange vor mir eine Riesenschlange, die sich uns lautlos näherte. Im letzten Moment stellte er sich schützend vor mich hin, schaute mir ein letztes Mal tief in die Augen und erstarrte dann zur Statue. Danach ging alles sehr schnell. Noch heute höre ich Tembos erbärmliches Aufheulen, als die Schlange ihn erwürgte. Dann war Totenstille. Unfähig, mich zu bewegen, blieb ich noch lange wie angewurzelt stehen.
Hilfeschreie und ein Stimmengewirr rissen mich beim Einnachten aus meiner Erstarrung. Offenbar hatte die Schlange mit meinem Hund im Bauch sich die Hütte des Kochs ausgesucht für ihren mehrwöchigen Verdauungsschlaf. Dort konnte mein Vater das Tier erlegen. Die sechs Meter lange Schlangenhaut ist heute im Besitz meines ältesten Enkels.
Tembo war für mich kein gewöhnlicher Hund, sonder ein Schutzengel - ein Tierengel - von denen es über die ganze Welt viele gibt und die auch als Geistwesen in uns wohnen. Leider nehmen die meisten Menschen sie gar nicht wahr. Erwachsene sind Tieren gegenüber aus lauter Überheblichkeit oft blind und taub, wogegen Kinder und Tiere unschwer zueinander finden. Ich vermisste meinen Hund Tag und Nacht und wollte unbedingt auch in den Himmel, wo er jetzt war, wie meine Eltern mir versicherten. Doch meine Gazelle Pinggeli schaute mich mit ihren grossen, seelenvollen Augen traurig an und bat mich, bei ihr und den andern Tierkindern zu bleiben. Und mein Spassvogel Kasuku, der Graupapagei, der oft pfeifend und singend auf Tembos Rücken durchs Haus geritten war, gab sich alle erdenkliche Mühe, mich mit seinen vielen musikalischen Darbietungen, Pfeifkonzerten und Lautimitationen bei Laune zu halten. "Kasükeli", pflegte er zu flüstern, "Kasükeli isch do."
Ausser Pinggeli und Kasuku hatte ich noch viele andere Spielgefährten, die mir über den Verlust meines geliebten Hundes hinweg halfen. Nachts schliefen sie friedlich in meinem Zimmer und abwechslungsweise auch auf meinem Bett. Manchmal nahm ich einen kleinen Ameisenbär oder ein Hyänenkind mit ins Bett.
Wenn ich diese wundersamen Geschichten meinen Enkelkindern erzähle, dann schauen sie mich mit staunenden Augen und einem Anflug von Unglauben an. Unschwer lese ich in ihren Augen, dass die Erinnerungen ihrer Oma wohl etwas an Realität eingebüsst haben und nicht mehr so wörtlich zu nehmen sind. Sie sind aber durchaus wörtlich zu nehmen, denn diese frühen Erlebnisse haben sich - im Gegensatz zu späteren - tier in meine Seele und mein Herz eingeprägt, ja in jede Zelle meines Seins.
Dass Wildkatzen nicht selten ihre Jungen in meinem Puppenhaus gebaren und sie dort aufzogen, ist keine Märe. Und dass zu Weihnachten oder Ostern einige meiner Tierfreunde mir ein "Geschenk" unter den Christbaum oder ins Osternest legten, konnten meine Eltern bezeugen, denn sie waren es, die die betäubten Mäuse und hypnotisierten Vögel jeweils aus ihrer Starre weckten und in die Freiheit entliessen.
Dieses paradiesische Leben nahm bald nach Tembos heroischem Tod ein jähes Ende, als meine Eltern beschlossen, ihre total verwilderte Tochter in eine Klosterschule im 200 Meilen entfernten Nairobi zu stecken. Dort sollte ich Zucht und Ordnung und den "wahren Glauben" lernen.
Dieser Eingriff in mein unbeschwertes und glückliches Dasein versetzte meinem Tierengel in mir einen so heftigen Schlag, dass er fast zum Erliegen kam, und gleichzeitig weckte er den Menschen in mir aus seinem Tiefschlaf. Als ich im klösterlichen Religionsunterricht vom Rauswurf der ersten Menschen aus dem Paradies erfuhr, da begriff ich sofort, was damit gemeint war, hatte ich doch diesen "Rauswurf" an meiner eigenen Seele erfahren. Vorbei war es mit der spielerischen Leichtigkeit meines Seins und den innigen Freundschaften mit den Tieren. Die Schlange war auch in mein Leben eingedrungen und hatte mein Glück zerstört. Plötzlich wurde alles schwer, mühsam und ernst. Genau so, wie es die Bibel sagt: Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen bis du wieder zu Erde wirst, aus der du genommen wurdest.
Jeden Morgen mussten wir Kinder noch bei Dunkelheit aufstehen, um der Frühmesse beizuwohnen, die mir endlos schien und dem Tier in mir zur Qual wurde. Immer öfter brach ich zusammen und fiel zwischen den Kirchenbänken in Ohnmacht, bis die Priorin mich wissen liess, ich sei noch zu jung und zu unvernünftig für diesen heiligen Akt und solle lieber im Bett bleiben. Offenbar war der Mensch in mir noch nicht ganz erwacht.
Mit blankem Schrecken denke ich an meine ersten Klavierstunden zurück. Die unterrichtende Nonne hatte stets ihren Bambusstock griffbereit neben sich liegen. Bei jedem Ausrutscher meiner kleinen Finger auf den grossen Klaviertasten gab es einen Hieb über die Knöchel. Dass aus mir keine Konzertpianistin geworden ist, brauche ich wohl kaum zu betonen. Welch ein Kontrast zur heutigen Kuschel-Pädagogik!
Am meisten aber litt ich unter Heimweh nach meinen Tiergefährten. Ein Leben ohne Tiere war für mich unvorstellbar und mein Tierengel fühlte sich einsam und verlassen. Die Nonnen fürchtete ich allesamt. Sie waren mir fremd und ich war ihnen fremd. Meine Mitschülerinnen fürchtete ich ebenfalls, denn sie machten sich über mich lustig und liessen die schönen Tiere aus edlem Holz verschwinden, die meine schwarzen Freunde als Abschiedgeschenk für mich geschnitzt hatten. Das Tier in mir war verzweifelt und lag kraftlos darnieder, während der noch unerfahrene Mensch in mir keine Ahnung hatte, wie das "richtige" Leben funktioniert. Als Folge davon vereinsamte ich immer mehr, weinte nächtelang in mein Kissen, wurde apathisch und magerte ab.
Als ich nach fast einem Jahr endlich nach Hause in die Ferien durfte, da waren meine Eltern so entsetzt über mein Aussehen, dass sie auf der Stelle beschlossen, ich müsse nicht mehr zurück in die Klosterschule. Unbeschreiblich gross war meine Freude und ich spürte förmlich, wie das Tier in mir wieder lebendig wurde und Purzelbäume schlug. Doch leider war diese Freude nur von kurzer Dauer. Als mein Vater erklärte, meine Mutter leide an einer "tropischen Krankheit" und müsse bald in die Schweiz zur Kur und ich dürfe mit, da hätte ich mich eigentlich auf die lange Seereise und meine Grosseltern in der Schweiz freuen sollen. Stattdessen aber machten sich Vorboten von Heimweh und Trennungsschmerz bemerkbar. Mein Tierengel wusste intuitiv, dass ich meinen gelibeten Vater lange nicht mehr sehen würde und meine Tiergefährten vielleicht überhaupt nie mehr.
So war es denn auch. Kaum waren meine Mutter und ich auf Schweizer Boden angelangt, da kursierten auch schon Kriegsgerüchte. In der Tat brach dann bald der Zweite Weltkrieg aus - und wenig später wurde der Suezkanal geschlossen. Der Suezkanal war aber unser Heimweg, der Weg, auf dem unser Schiff uns hätte zurück nach Afrika bringen müssen. Passagierflugzeuge gab es zu der Zeit noch keine.
Siebzig Jahre später: Als ich mich altershalber zur Ruhe setzen wollte, da bestand mein Tierengel darauf, stattdessen eine gemeinnützige Organisation ins Leben zu rufen, die es sich zur Aufgabe macht, das Tier im Bewusstsein der Menschen aufzuwerten! Du hast ein Wiedergutmachungs-Programm in dir, das du noch verwirklichen musst! Mein Tierengel leidet schwer darunter, wie die Menschen auf dieser Welt mit den Tieren umgehen, wie sie sie als Handelsware missbrauchen, schamlos in Tierfabriken, Pelzfarmen und anderen Massentierhaltungen ausbeuten und letztlich elendiglich umbringen.
Das Resultat dieses Mitgefühls ist die Gründung einer Stiftung mit Namen DAS TIER + WIR, Stiftung für Ethik im Unterricht. Tierethiklektionen an Schulen als Erziehung zur Menschlichkeit und Gewaltprävention ist das Anliegen dieser Stiftung.
Schwache haben das Recht auf Hilfe und Unterstützung durch die Stärkeren. Dies gilt für Menschen gleichermassen wie für Tiere. Eine Ethik, die unsere Mitgeschöpfe nicht einschliesst, ist keine Ethik, sondern ein Betrug am Tier. Schon Leonardo da Vinci wusste: Der Tag wird kommen, wo das Töten eines Tieres genauso als Verbrechen betrachtet werden wird wie das Töten eines Menschen.
Dieser Tag rückt immer näher, prophezeit mein Tierengel.
von Erica Kalika Blöchlinger
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