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Wie die Schicksalsfäden nach Basel laufen

Auszug aus einem Referat von Erica Kalika Blöchlinger, gehalten auf Einladung des Basler Tierschutzbundes  im Mai 2004

Als ich vor über einem Vierteljahrhundert mit meinen drei halbwüchsigen Kindern im Basler Zolli war – auf Einladung des damaligen Zoodirektors Dr. Lang – und meine Kinder auf der von ihrem Grossvater gefangenen Elefantendame Ruaha reiten durften, da ahnte ich nicht, dass ich eines Tages als Tierschützerin wieder in Basel sein würde! Ja, mein Vater war Tierfänger in Tansania und ich bin mitten im Herzen Schwarzafrikas geboren und mit zahlreichen exotischen Tieren aufgewachsen. Nebst Kaffe- und anderen Plantagen hatten wir einen grossen Zoo zu Hause, der aus lauter frisch gefangenen Jungtieren bestand – von Schlangen bis zu Nashörnern und von Hyänen bis zu Giraffen –, von einem Schweizer Tierarzt betreut, bis sie nach einer Gewöhnungszeit in alle Welt verschifft wurden.

An jenem Sonntag im Basler Zoo war auch mein Vater dabei, und als der Elefant mit meinen drei Kindern auf seinem Rücken unter den zahlreichen Zuschauern meinen Vater entdeckte, da steuerte das Tier durch die Menschenmenge hindurch geradewegs auf ihn zu und umarmte ihn mit seinem Rüssel. Die Besucher kreischten vor Freude, aber niemand wusste, dass der Elefant den Mann erkannt hatte, der ihn zwanzig Jahre zuvor als Baby seiner Mutter und seiner Freiheit entrissen hatte. Wir Eingeweihten aber waren zutiefst beeindruckt vom Gedächtnis des Tieres, von seiner Intelligenz und vor allem von der Zärtlichkeit, mit der es seinem Fänger begegnete. Übrigens habe ich mich in diesen Tagen telefonisch beim Basler Zoo nach Ruaha erkundigt und erfahren, dass sie - geboren 1951 - noch immer lebt und mittlerweile der älteste Zoo-Elefant der Welt ist.

Das verlorene Paradies
Meine Kindheit in Tansania war ein Leben im Paradies. Zu der Zeit war ich das einzige weisse Kind weit und breit. Menschliche Geschwister hatte ich keine, dafür zahllose Tiergeschwister. Wildkatzen liebten es, ihre Jungen in meinem Puppenhaus zu gebären und aufzuziehen, und an Ostern legte die Katzenmutter mir eine Maus als Geschenk ins Osternest. Gazellen, Wildhunde und Affen waren meine ständigen Spielgefährten, kurz, bei uns gingen exotische Tiere ein und aus wie hierzulande die Familienmitglieder. Und meine zahme Gazelle Pinggeli schlief sogar in meinem Zimmer, bis der Direktor des Mailänder Zoos bei uns erschien und Pinggeli kaufte, obwohl mein Vater mir versprochen hatte, mein Lieblingstier nie herzugeben. Aber offenbar wollte der Direktor dieses handzahme Tier unbedingt als Attraktion für seine jungen Zoobesucher. Als der Deal gemacht war, flehte ich meinen Vater an, für Pinggeli wenigstens eine extra grosse Transportkiste anfertigen zu lassen, damit es sich auf der dreiwöchigen Seereise auch etwas bewegen und niederlegen konnte. Meine Bitte wurde erfüllt aber zum Verhängnis des Tieres, denn Pinggeli brach sich auf der Reise ein Bein, das nie wieder gut zusammenwuchs, so dass die ehemals grazile und lebenslustige Gazelle traumatisiert und mit einem grossen Knoten im Hinterbein in Mailand ankam. Wäre die Kiste massgeschneidert gewesen, wie bei allen anderen Tieren, so hätte Pinggeli keinen Schritt vorwärts oder rückwärts machen können und sich auch kein Bein gebrochen. So aber schlug das verzweifelte Tier drei Wochen lang aus, bis sein zartes Bein gebrochen war. Und das Allerschlimmste an dieser dunklen Geschichte ist die Tatsache, dass ich auf Geheiss meines Vaters Pinggeli mit einem Rosenstrauss in die Kiste gelockt hatte. Pinggeli gehorchte nur mir, und da Rosen seine Leibspeise waren, trottete das Tierchen vertrauensvoll hinter mir her immer den Rosen nach – direkt in die Falle. Ich werde Pinggelis Blick nie vergessen, als es realisierte, dass ich es überlistet und verraten hatte. Mir brach das Herz und die Tore zum Paradies schlossen sich. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen und plötzlich sah ich, was da gespielt wurde.

Wiedergutmachungs-Programm
Wie Sie sehen, habe ich eine Wiedergutmachungs-Aufgabe zu erfüllen. Sie sehen auch, wie leicht Kinder konditioniert werden und wie wichtig es ist, ihnen frühzeitig ethische und moralische Werte vorzuleben wie Mitgefühl und Ehrfurcht vor dem Leben. Denken wir nur an das rituelle Schächten im Judentum und im Islam, oder an die spanischen Stierkämpfe und all die anderen primitiven Überbleibsel aus vorkultivierten Zeiten, die sich im Bewusstsein der Menschheit eingenistet haben. Denken wir aber auch an die Abscheulichkeiten, die wir Heutigen in die Welt setzen und an unsere Kinder weitergeben: nämlich Tierfabriken, Tiertransporte, Pelztierfarmen, Tierversuche, Genmanipulationen und andere Verbrechen. Wir haben es in der Tat weit gebracht! Aus einem Paradies haben wir uns eine Hölle geschaffen, wo Terror, Profitgier und Brutalität gegen Mensch und Tier an der Tagesordnung sind.

Tierethik im Schulunterricht
Und somit wären wir beim eigentlichen Thema angelangt. Die Erziehung des menschlichen Bewusstseins kann nicht früh genug einsetzen, denn wie ich am eigenen Leib erfahren habe, lassen sich vorgelebte und anerzogene Werte und Unwerte, die dem Kind zur Selbstverständlichkeit geworden sind, später nicht einfach mit der Delete-Taste löschen, wie am Computer. Vielmehr ist ein mühsames und langwieriges Umdenken vonnöten, so auch im Tierschutz. Wir alle wissen, dass wenn Tierschützer heute beispielsweise ein Dutzend verwahrloster oder misshandelter Tiere retten, es morgen anderswo zwei oder drei Dutzend sein werden - ein Teufelskreis also. So lange nur von Menschenwürde die Rede ist und nicht auch von der Würde der Kreatur, so lange der Schutz unserer Mitgeschöpfe weder an Schulen noch im Elternhaus ein Thema ist, wird die Ausbeutung der Tiere kein Ende nehmen. Daher müssen wir das Übel an der Wurzel anpacken und Tierschutz durch speziell ausgebildete Tierethik-Pädagogen in die Schulstuben bringen – und nicht dem Biologielehrer überlassen – der den Schülern auch heute noch beibringt, wie man Tiere seziert. Nur so können sich allmählich Ehrfurcht vor dem Leben, Barmherzigkeit und Mitgefühl in den Herzen der Heranwachsenden entwickeln - und irgendwann einmal zur Gewohnheit werden wie das tägliche Zähneputzen.

Ausbildung zur Tierethiklehrekraft
Aus diesem Grund haben wir ein Schulprojekt ins Leben gerufen, das interessierte Tierfreunde aus den verschiedensten Berufen zu mobilen Tierschutzlehrern ausbildet, die gegen ein angemessenes Salär an Schulen kostenlose Tierschutzlektionen durchführen, und zwar von der Kindergartenstufe bis zu den Oberstufen und Berufsschulen. Geplant sind in einer späteren Phase auch Erwachsenenbildung, Elternschulung und Lehrerfortbildungskurse. Tierschutzlehrer sein ist ein anspruchsvoller Beruf, ja eine Berufung, die nebst einer guten Allgemeinbildung und grosser Flexibilität auch pädagogisches Geschick, Herzensqualitäten sowie überzeugendes Auftreten voraussetzt. Eine Grundausbildung bieten wir mit professionellen Referenten selber an. Diese  allein genügt aber noch lange nicht. Die frisch ausgebildeten Tierethiklehrpersonen treffen sich unter meiner Ägide regelmässig zwecks Erfahrungsaustausch und Weiterbildung. Nebst pädagogischen Kenntnissen müssen unsere Leute viel über Tierrechte, Tierversuche, Tierethik, usw. lesen, die Tierschutzgesetze studieren, immer auf dem neuesten Stand informiert sein, Bauernhöfe und Tierheime besuchen, wenn möglich auch einen Schlachthof, um zu wissen, wovon sie reden.   Als ehemalige Meditationslehrerin versuche ich auch, unseren Leuten ethische und spirituelle Werte nahe zu legen, was unter anderem heisst, dass Tierschutzlehrer leben, was sie lehren. Tierschützer, die ihre Schützlinge genüsslich verzehren und den Kindern Mitgefühl predigen wollen, gibt es bei uns nicht. Die Doppelmoral, man könne ja Tiere lieben und sie trotzdem essen (d.h. einsperren, mästen, quälen und töten) ist meines Erachtens der Hauptgrund, warum der gängige Tierschutz so wenig bewegt. Eine der ersten Fragen der Schüler ist mit Sicherheit: „Aber Sie essen doch auch Fleisch, oder?“ Wenn der Tierschutzpädagoge diese Frage mit „Ja“ beantworten muss, dann ist er in den Augen der Kinder erledigt und bei uns ist er out.

Zu den Freuden eines Tierethiklehrers gehört  die Offenheit und Empfänglichkeit der meisten Kinder – besonders der jüngeren, noch nicht konditionierten – für das Thema Tierschutz. Fast alle geben an, Tiere zu lieben und viele unter ihnen haben eigene Haustiere. Wenn sie dann aufgrund von Videos und anderem Schulungsmaterial vom verschwiegenen Tierelend erfahren, dann kommt der Augenblick, wo das pädagogische Geschick der Tierschutzlehrkraft besonders gefragt ist, denn es geht uns ja nicht darum, die Kinder  nur über das weltweite Tierelend zu informieren, sondern ihnen auch Mittel und Wege aufzuzeigen, wie sie – die Erwachsenen von morgen – eine bessere Welt für Mensch und Tier gestalten können.

Lassen Sie mich mit einem eindrücklichen Zitat schliessen, das ich auf den Drucksachen des Basler Tierschutzbundes entdeckt habe und das mir aus der Seele gesprochen ist:

Das Elend der Menschen wird so lange dauern, wie der Jammer der Tiere zum Himmel schreit.

DAS TIER + WIR, Tel. 071 640 01 75 - E-Mail: office@tierundwir.ch
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